27
Nov
07

Es ist so egal

Blauer Beutel. Blauer Beutel mit weißen Turnschuhen. Mit T-Shirt und Hose. Liegt da im Spint. Ich muss noch mal zurück. „Beeil Dich!“. Danke für den Tipp. Schneller als zwei Schritte pro Sekunde lässt ein Laufschritt, ohne ein Rennschritt zu werden, nicht zu. Als ich wiederkomme, sind die Anderen natürlich schon fort. Ich warte.

Dass die Leistung meines Orientierungssinns etwa dieselbe ist wie die eines, der nicht existiert, ist mir schon seit Jahren bekannt. Unpraktisch wird es aber auch morgen wieder sein und übermorgen.
Ich studiere den Fahrplan, wäge ab, fühle mich ganz gut und sicher. Ich habe mich für eine Bahn entschieden, ich sitze sogar darin. Ich werde zu spät kommen, ich weiß, aber das kümmert wenig, kann passieren. Ich fahre, sehe und zweifle. Eine Graffitimauer. Fremde Wände. Irgendwelche Kreuzungen. Die Gegend kenne ich nicht, dieses Gefühl jetzt dagegen zu gut. Unbekannte Läden und Ecken. Ich kann mich nicht erinnern. Was war prägnant? Nichts? Habe ich während mindestens fünf Mal Fahren, nicht einen kleinen Punkt mir merken können, ob nun markant oder nicht? Jetzt fahren wir über eine Brücke. Da ragt ein gigantischer Pfeil in den Himmel, sticht in eine Wolke. Sie platzt und frühe Nachmittagssonne fällt heraus. „Tschuldigung, ist hier irgendwo eine Sporthalle?“, frage ich Einen mit Plakat im Rucksack und: Ja! Gleich hier. (Na Gott, sei Dank). Ich steige aus und denke mir: Nein. Hier bin ich falsch. Nach langsamem Überqueren der Straße, bleibe ich stehen. Eine Frau glotzt mich an, ich selbst zwei andere, meine neuen Stadtkarten. Selbe Frage. Irgendwo ist eine Schule, da muss auch eine Turnhalle sein. Mir ist klar, dass die genannte nicht die richtige ist. Da wo ich hin will, ist keine Schule, glaube ich. Nein, ich weiß die Straße nicht, nein, auch keine Haltestelle. Nichts. Gar nichts. Ich bin in New York, Paris oder Innsbruck. Aber es ist meine Pflicht, weiterzusuchen. Ich erscheine auf einem postmodernen Minimarktplatz. DDR-Leberkäse, 77Cent. Für wie viel Gramm? Ferngläser. Uhren. Verstaubte Parfümkartons. Ich werde nicht zu spät kommen. Das werden vermutlich zwei Fehlstunden. Möglich, dass man mir 0 Punkte einträgt, für die Leistungskontrolle, die heute stattfindet. Ach, das ist unsinnig. Ich beende meinen Spaziergang und gehe zurück zur Haltestelle. Einmal geht noch. Ich stehe vor einer Horde Knirpse, die nahe daran sind, mich mit asiatischen Nudeln zu bewerfen. In diesen stehe ich schon. Mir ist klar, ich bin keine Autorität. Angriff ist die beste Verteidigung. Ich spreche sie an. Selbstverständlich gibt es auch hier eine Turnhalle, nur eine Haltestelle weiter. Neue Hoffnung. Schon da. Schon zerstört. Fehlanzeige. Ich studiere den Fahrplan, sinnlos, ich habe keine Uhr. Auf einer Haltestellenbank, sie ist grün, lasse ich mich nieder, sacke entspannt zusammen, betrachte den Himmel, er ist blau, sehe die Wolken, sie sind weiß. Denke an Caspar David Friedrich, denke scheißegal und warte auf meine Bahn nach Hause.

Jules Tag

Advertisements

0 Responses to “Es ist so egal”



  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


a

guggst du hier kannst du planen

November 2007
M D M D F S S
« Okt   Dez »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930  

wow...

  • 20,524 Leutchens waren bereits hier

%d Bloggern gefällt das: